Warum sich alles änderte, als ich mich änderte

Jack und ich, seit über drei Jahren. Dabei hatten wir einen krassen Start damals, vom Angsthund zum Schoßhund. Heute erinnert fast nichts mehr daran, wie Jack früher war. Ich würde ihn heute als unkompliziert beschreiben. Und dennoch, trotz allem Verständnis für Hunde und allem eigenen und angelesenem Wissen, hatte ich immer das Gefühl, irgendetwas stimmt nicht so ganz.

Ich könnte mich jetzt rausreden, sagen ich habe es eben so gemacht wie alle. Auf dem Spaziergang immer mal eine Dummy-Suche, im heimischen Wohnzimmer Trick-Übungen, Schnüffeln als Kopfarbeit und was nicht noch alles. Doch ich will mich nicht rausreden, man redet sich viel zu oft raus. Ich habe genug Mut, um ehrlich zu sein, und sage euch, ich habe mir damals nicht so viele Gedanken gemacht und schäme mich heute auch teilweise dafür. Ich habe nichts, was ich je über Hunde erfahren habe, hinterfragt. Die Tatsache, dass überall das Gleiche geraten und gemacht wird, habe ich als bindend und in allen Fällen richtig geglaubt. Es sind eben die Konventionen. Konventionen sind (nicht notwendig festgeschriebene) Regeln oder Gepflogenheiten, die von einer Gruppe von Menschen aufgrund eines beschlossenen Konsens (einer übereinstimmenden Meinung von Personen zu einer bestimmten Frage ohne verdeckten oder offenen Widerspruch) hervorgebracht und eingehalten werden. Sie können stillschweigend zustande gekommen oder auch ausgehandelt worden sein. Doch wann haben die Leute eigentlich aufgehört, angebliche Gesetzmäßigkeiten kritisch zu hinterfragen? Wann sind die Leute verdammt noch mal so bequem geworden, blind auf alles zu vertrauen, was die breite Masse suggeriert? Warum habe ich vorher nie etwas hinterfragt?

Dann las ich Dogmanagement …
Ein Buch, welches mit erschreckender Logik jegliche Hundeschulen-Theorie über den Haufen wirft und stets heftigen Gegenwind der hartgesottenen Trainingsfanatiker erfährt. Doch warum? Eine äußerst schickliche Redewendung besagt, „betroffene Hunde bellen“. Und wisst ihr was? Mir ging es ganz genau so! Ich schimpfte und meckerte, wie konnte das alles nur behauptet werden? Meine „heile Hundetrainer-Welt“ wankte, ich versuchte sie mit aller Kraft im Gleichgewicht zu halten. Mitten im Hundepsychologie-Studium steckend, wollte ich gar nicht wahrhaben was ich da las,.Dinge die so völlig entgegen dem sind, was ich bisher aufgenommen habe. Ich war enttäuscht, enttäuscht von dem Buch. Ich legte es weg und deklarierte es als, und das weiß ich heute noch ganz genau, „die sinnloseste Anschaffung des Jahres“. Es verging einiges an Zeit, in der ich keine Sekunde an das Gelesene aus dem Buch dachte. Ich wollte es nicht wahrhaben und klammerte es aus, es passte schlichtweg nicht zur allgemeinen Meinung der Mehrheit. Doch mein Wissensdurst, das mir bis dato noch Absurde zu verstehen, forderte meine Aufmerksamkeit, wollte dass ich mich damit auseinandersetze. Ich wollte es um jeden Preis verstehen, wie man mit derartiger Überzeugung etwas entgegen der breiten Masse behaupten kann. Nicht zuletzt war die liebe Marit von Pawtners in Crime mir dabei eine große Hilfe. Normalerweise beziehe ich mich eher nicht auf andere Leute oder Blogs. Ich gebe zu, dass Marit mit meinem zweifelnden Wesen anfangs sicher nicht die erfreulichste Zeit hatte. Doch heute bin ich ihr so unendlich dankbar, dafür ihr viele Fragen gestellt haben zu können und stets durchdachte, fundierte Antworten erhalten zu haben. Ich las das Buch ein zweites Mal, war gewillt das Bisherige zu überdenken und alles aus einem anderen Blickwinkel zu betrachten. Mit jeder nochmals gelesenen Seite verstand ich mehr. Nachdem ich also ein zweites Mal am Ende des Buches angekommen war, war für mich nichts mehr wie es war!

Doch was ist passiert?
Ich erkannte zum ersten Mal in all den Jahren, dass ich nenne es jetzt mal die „übliche Hundeerziehung“ ein äußerst unfaires Konzept darstellt. Ich verstand, warum es gegen die Praktik des Stop-Konzepts so heftigen Gegenwind gibt. Über den Inhalt des Konzepts schrieb ich bereits im vorherigen Artikel, den ich an dieser Stelle noch mal verlinken möchte: Vertrauen ist gut, Kommando ist besser.
Ich begann zu verstehen, wie sehr ich Jack bevormundet und ihm jede Entscheidung abgenommen habe. Ich begann zu verstehen, wieso ich immer trauriger darüber wurde, dass er nicht in der Lage sei, auch nur die kleinste Entscheidung selbst zu treffen. Manchmal, wenn er minutenlang nach dem Fressen regelrecht hilflos im Zimmer stand und förmlich darum bettelte, gesagt zu bekommen wohin er als nächstes gehen, was er als nächstes tun solle, war ich richtig übel frustriert. Doch ich begriff damals nicht, dass ich ihn so unfähig gemacht habe, dass ich ihm mit meinem „komm hier her“, „geh da hin“ und jedem anderen Kommando dazu gedrängt habe, sich nicht selbst entscheiden zu müssen oder besser gesagt zu können. Das ist nur ein Beispiel von vielen „Missständen“, die mir nach dem Lesen von Dogmanagement aufgefallen sind. Ich hatte Glück, Jack ist von Natur aus ein nicht besonders rebellischer Hund, der mir daher auch nie wirklich gezeigt hatte, wie unzufrieden er teilweise wohl gewesen sein muss. Trotzdem gab es Anzeichen für Unbehagen, die mir schlichtweg nicht aufgefallen sind, beispielsweise sein manisches Verhalten in puncto Futter. Sein kleiner Moment Entscheidungsfreiheit und mein Moment der Ohnmacht, denn ich kann tausend Mal „friss doch nicht so schnell“ sagen und dennoch nicht beeinflussen, ob er schlingt oder nicht.

Es ist schwer, eine neue Wahrheit zu akzeptieren, eine die einen selbst ins Visier nimmt und dazu zwingt, alles zu reflektieren und bestehende Abläufe und Umstände zu hinterfragen. Sich selbst kritisch zu hinterfragen, dass muss man sich erst einmal trauen, und sich selbst zu ändern ist nicht leicht. Man fürchtet sich davor, sein Gesicht zu verlieren, dabei hat man es doch längst verloren. Ich begann meine Handlungen und Jacks damit verbundene Reaktionen genauer zu beobachten und zu hinterfragen, mit der Erkenntnis dass ich mich fast permanent über ihn stellte und bevormundete, sei es aus Sorge oder weil ich etwas korrekt ausgeführt haben wollte oder eben einfach nur so, weil man halt manchmal ein „Sitz“ oder „Platz“ in gewissen Situationen verlangt. Ich fing an ihn, statt zu kommandieren, auf Augenhöhe zu betrachten und unsere Bedürfnisse auf die gleiche Stufe zu stellen. Dazu gehörte auch, bei bisher gestellten Anforderungen und Kommandos an ihn, zu ergründen wie es mir an seiner statt gehen würde. Ich begann mich und meine Ansichten zu ändern und mich meinem Hund gegenüber fairer zu verhalten, Jack sichere Rahmen zu stecken und ihm Entscheidungen zu überlassen. Offiziell haben wir das Stop-Konzept noch nicht angefangen, ein paar Dinge haben sich trotzdem schon merklich verändert und darüber bin ich sehr froh. Ich fühle mich wohler dabei und Jack beginnt definitiv sich häufiger selbst zu entscheiden, worüber wir mächtig stolz sind.

Und so änderte sich alles, als ich mich änderte …


Nachwort
Damit sich keiner persönlich angegriffen fühlt, habe ich in diesem Beitrag bewusst meine persönliche Erfahrung und meine Gedankengänge geäußert, von denen ich hoffe ihr könnt sie schätzen. Vielleicht fühlt sich der ein oder andere sogar in der Lage, darüber nachzudenken, ohne direkt loszuschimpfen. Denn eigentlich möchte ich, genau wie jeder andere, nur das Beste für meinen und auch jeden anderen (!) Hund. Dazu gehört allerdings, sich selbst reflektieren zu können und sich zu fragen, ob man wirklich sein Bestes gibt, um ein guter Halter zu sein oder ob man nicht manchmal egoistisch an die eigenen Wünsche und Vorstellung denkt, statt an die Bedürfnisse des Individuum einem gegenüber. Ich habe es getan und bereue es keine Sekunde, denn ich habe sehr viel dazugelernt, tue es immer noch, und konnte schon einiges verbessern. 😉

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3 Gedanken zu “Warum sich alles änderte, als ich mich änderte

  1. Ein sehr interessanter Artikel. Und ich finde es spannend wie du dich und deine Beziehung zu Jack verändert hast. Hättest du mir noch einen Link zu dem Buch bzw. Ist es das von Ulv Philippe?

    Liebe Grüße
    Anna

    Gefällt 1 Person

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