Vertrauen ist gut, Kommando ist besser

Meine Freiheit, deine Freiheit
In der heutigen Hundeausbildung wird eine Partnerschaft zwischen Mensch und Hund leider noch immer auf Basis des Gehorsam aufgebaut. Dabei wird die Großzügigkeit des Halters zur Freiheit des Hundes. Getreu dem Motto, je zuverlässiger du auf meine Kommandos hörst, desto mehr Freiheiten erhältst du von mir. Zwischen Gehorsam und Freiheit besteht jedoch ein großer Unterschied. Freiheit bedeutet, selbst entscheiden zu können. Gehorsam ist das Gegenteil davon, es beruht auf Kontrolle. Freiheit ist immer die Möglichkeit der Wahl, die von der Forderung nach Gehorsam vehement beschnitten wird. Das Beschneiden der eigenen Wahlmöglichkeit erzeugt in einem Individuum Unzufriedenheit und Frustration. Je mehr ich jemanden in seinen Wahlmöglichkeiten begrenze, umso größer wächst bei ihm das Bedürfnis aus der Kontrolle auszubrechen.

Die Grenzwertigkeit des Hundetrainings
Im sogenannten Hundetraining kann man, bei genauerer Betrachtung, feststellen, dass die meisten Versuche dem Hund etwas beizubringen darin bestehen, ihm zu sagen was er zu tun oder zu lassen hat.  In den allermeisten Fällen wird mit Grenzen oder Verneinungen gearbeitet. Gewisse, beziehungsweise vom Menschen unerwünscht, Handlungen und Verhaltensweisen werden verboten. Der Hund folgt notgedrungen, oder gar widerwillig, den Anweisungen seines Bevormunders. Doch Hunde sind weit weniger blöd, als man meint. Auch der Hund lässt sich irgendwann nicht mehr darauf ein, gegen Kontrolle und Bestechung, für ihn nicht nachvollziehbare Befehle und Verbote zu beherzigen. Er wird Gelegenheiten suchen, sich den Bevormundungen künftig zu entziehen und die Entscheidungen seines Besitzers in Frage stellen oder gegen seine eigenen zu ersetzen. Die vom Menschen gern beschimpften „Fehlverhalten“ werden geboren. Diese „rebellischen Handlungen“ des Tieres resultieren aus der menschlichen Kontrollausübung. Doch möchte man sich das selbst eingestehen? Die meisten eher nicht! Der Zweibeiner erklärt sich das mangelhafte Gehorsam des Vierbeiners mit dessen „Einfachheit“ oder „Minderintelligenz“. Statt den Fehler bei sich selbst zu suchen, erklärt der Mensch den Hund leichterhand als „ein bisschen blöd“, „stur“ oder „ungehorsam“. Die beste Rechtfertigung, ihn künftig intensiv zu kontrollieren und ihm vorzuschreiben, wie er sich zu verhalten hat. Dem Hund wird also, und da sind wir wieder beim springenden Punkt, die Wahl genommen.

Kommandos und deren Problematik
Ein in seiner Freiheit beschnittenes Individuum sucht Schlupflöcher, um aus dem System, der Diktatur, oder wie immer man es nennen möchte, auszubrechen. Der Kommandogeber, also der Mensch, wird vom Hund auf dessen Fähigkeit untersucht, wie konsequent dieser sich verhalten kann. Der Vierbeiner sucht nach Lücken, die er garantiert findet. Nämlich immer genau dann, wenn eine Aufforderung plötzlich und unvorbereitet gestellt werden muss. In diesem Moment steht sie auf wackeligen Beinen. Stress ist etwas, womit Mensch wie Tier nur schwer umgehen kann. Wir lieben Gewohnheiten, Rituale, das Bekannte und Regelmäßigkeiten. Wir kommen gut mit unserer Umwelt zurecht, solange wir nur alles ausreichend gut kennen. Doch jeder kennt es, wenn er etwas zum ersten Mal tut. Man weiß nicht, wie es ausgeht, ob gut oder schlecht. Man hat möglicherweise zittrige Knie, ein mulmiges Gefühl in der Magengegend, einen trockenen Mund, usw. Mit einem Kommando, das unvorbereitet gegeben werden muss, verhält es sich nicht viel anders. Doch welch Überraschung, das Leben bietet viel mehr überraschende, spontane Situationen, als es vorhersehbare liefert. Das scheitern von Kommandos ist demnach vorprogrammiert

Effizienz von Kommandos
Das Kommando fordert, wie gesagt, bedingungslosen Gehorsam ein, es lässt keine Wahl. Es verhindert, eigenständig Entscheidungen treffen zu können. Die Mängel im hündischen Verhalten, die der Mensch so häufig beklagt, sind aber eigentlich nur umkehrpsychologische Folgen von Begrenzungen. Oder wie würde man es selbst finden, mit einem Kommando zu etwas aufgefordert zu werden, dessen Sinn man nicht erkennen kann? Und was, wenn man dann auch noch feststellt, dass trotz zögerlicher, ungenauer Ausführung oder mehrfacher Verweigerung am Ende sogar eine Belohnung auf einen wartet?

„Er weiß es ja nicht besser!“
Dass man den Hund anweist, dieses oder jenes zu tun oder zu lassen, wird damit gerechtfertigt, dass er es nicht besser weiß. Er muss sich in unserer „Menschenwelt“ zurechtfinden. Ja, das ist richtig. Viele Eindrücke, denen ein Hund in der „Menschenwelt“ ausgesetzt wird, würden ihn in „freier Wildbahn“ nicht konfrontieren. Dass ein Hund es „nicht besser weiß“ ist allerdings längst kein Grund, ihn in seiner Freiheit zu begrenzen und mit Aufforderungen zu befehligen. Zwischen Minderintelligenz, resultierend aus der Annahme „er weiß es ja nicht besser“, und Mindererfahrenheit liegt ein ebenso großer Unterschied, wie zwischen Freiheit und Gehorsam. Auf Augenhöhe verglichen, weiß der Hund es deshalb nicht besser, weil er im Vergleich zu uns schlichtweg mindererfahren ist. Doch Unerfahrenheit bedeutet nicht mindere Intelligenz! Bei all seinen Entscheidungen orientiert er sich an den für ihn selbst erkennbaren Notwendigkeiten. Die Notwendigkeit seines Handelns beurteilt der Hund, im Gegensatz zu uns deutlich erfahreneren Menschen, aufgrund eigener noch fehlender Erfahrung einfach anders. Es stimmt also schon, er weiß es nicht besser. Der Grund dafür ist allerdings der Ist-Wert Alter. Zwischen Mensch und Hund besteht hierin ein großer und relevanter Unterschied. Es ist demnach offensichtlich, dass zwischen beiden auch eine erhebliche Erfahrungsdifferenz liegt. Wenn man allein das berücksichtigt, sollte es selbstverständlich sein, dass unsere Hunde nur selten unsere Meinung teilen können. Weiterhin zeigt es die Notwendigkeit, dem Hund einzuräumen seine eigenen Erfahrungen machen zu können, statt blinden Gehorsam zu fordern.

Kontrolle hemmt Bereitschaft
Je mehr Kontrolle wir auf unseren Hund ausüben, desto geringer ist seine freiwillige Bereitschaft, sich einzubringen. Indem wir ihm jede seiner Handlungen diktieren, oder bei Zuwiderhandlung bestrafen, fördern wir die Unlust und nehmen ihm die Motivation, mit uns interagieren zu wollen. Das Wollen kann man nicht erzwingen, doch mit gezielter Anerkennung kann es gefördert und die Bereitschaft sich einzubringen geweckt werden. Anerkennung bedeutet, ein Individuum für seine eigenen Fähigkeiten und Bemühungen zu erkennen. Hat man erst einmal die Erfahrung echter Anerkennung gemacht, wächst der Wunsch, dieses tolle Gefühl erneut zu erleben und es nicht wieder zu verlieren. Doch die permanenten Aufforderungen zwingen unser Gegenüber regelrecht dazu, jegliche Form von Eigendynamik aufzugeben. Durch die ach so tollen Kommandos und Leckerchen, lernt der Hund gerade zu nur noch bei einer Aufforderung, mit dem Versprechen einer Belohnung, aktiv zu werden. Wobei es immer im eigenen Ermessen liegt, welche Belohnung man als lohnenswert empfindet, um sich zu bemühen. Dabei ist es übrigens kein Wunder, dass bei den allermeisten Hunden (außer vielleicht bei den wirklich super verfressenen) irgendwann auch der geilste Superjackpot einmal ausgedient hat und der Zweibeiner dumm dasteht, weil er bereits jede Leckerei durch hat, um den Hund für blödsinnige Kommandos zu bestechen, deren Sinn zumeist fernab jeglicher Logik liegt. Wenn man die Sinnhaftigkeit eines Befehls folglich nicht versteht, stellt auch keine Bestechung einen Mehrwert dar. Etwas stellt nur dann einen Mehrwert für dar, wenn man es durch eigene Bemühungen erreichen oder es bei Einstellung eigener Bemühungen wieder verlieren könnte. Statt Gehorsam zu fordern und Druck durch permanente Kontrolle zu schaffen, kann man jedoch vorbereitende Maßnahmen für die Zukunft schaffen. Man muss es dem Hund einfach nur ermöglichen, von sich aus gefallen zu können und sich selbst einzubringen, statt begrenzende und auffordernde Mittel einzusetzen. Wenn tägliche Aufforderungen und Bespaßungsprogramme entfallen, das heißt einfach aus dem Alltag genommen werden, steht der Vierbeiner erst einmal sehr verdutzt da. Mit diversen sinnvollen und unlogischen Verhaltensweisen wird dann versucht, den Menschen zum Handeln zu bewegen. Zum einen wird versucht, gewohnte Abläufe selbst weiter einzuhalten, zum anderen werden neue Ideen eingestreut, die Aufmerksamkeit erzielen sollen. Die Starthilfe zur Eigendynamik wurde gegeben!

Konfliktsituationen
Ändert man das Gewohnte und begibt sich in die Konfrontation mit Neuem, entstehen im Gehirn Konfliktsituationen. Was macht man, wenn alte Strategien nicht mehr wirken? Der Mensch versucht, bevor er sich Konfliktsituationen stellt, erst einmal sich selbst oder andere davon abzulenken oder schwierigen Situationen auszuweichen. Hunde machen das auch, jedoch betrachten wir es bei ihnen nicht als einen Lösungsansatz. Auch der Hund versucht Unbekanntem auszuweichen, wir deklarieren ihn als Opfer äußerlicher Reize, denen er nicht widerstehen kann. Man schiebt es auf seinen tierischen Instinkt. So wird eine Ausweichhandlung des Vierbeines nicht als Konfliktbewältigungsstrategie gesehen, sondern als „Fehlverhalten“. Statt davon auszugehen, dass wir uns in unseren Strategien zur Konfliktbewältigung gar nicht unähnlich sind, wird beim Hund von Instinkthandlungen gesprochen, hinter denen keine bewusste Absicht steht. Wir können ihn also selbstverständlich nicht für sein Handeln verantwortlich machen, es ist Instinkt. Wir fühlen uns verpflichtet, ihn zu schützen und ihn zu kontrollieren. Selbstverständlich nur zu seinem Wohl und seiner Sicherheit! Ein böser, falscher Gedanke.

Die Möglichkeit der Wahl macht glücklich
Wir alle sind stolz, wenn wir eine Entscheidung getroffen haben, die sich nachhaltig als richtig, beziehungsweise für uns vorteilhaft, erweist. Doch es gibt auch kaum etwas, das uns mehr verunsichert, als in einer Stresssituation zwischen vielen möglichen Lösungsoptionen entscheiden zu „dürfen“. Es wird dann gern auf die hochgepriesene Möglichkeit der Wahl verzichtet. Wir sind regelrecht froh darüber, wenn uns die Entscheidung abgenommen wird. Wessen Hilfe suchen wir uns, wenn eine schwierige Entscheidung zu treffen ist? Die von jemandem, der mehr Erfahrung hat, der die gleiche Situation bereits erfolgreich gemeistert hat. Wir greifen auf die Verlässlichkeit eines Mehrerfahrenen zurück.

Das Bedürfnis nach Sicherheit
Hunde sind zufriedener,  wenn sie selbst über ihre Handlungen bestimmen können. Sie werden wesensfester, selbstsicherer, kreativer. Sie vertrauen uns mehr, weil sie wissen dass wir keine Bevormunder sind, sondern ihnen helfend zur Seite stehen. Wir können ihnen das zugestehen, indem wir ihnen einen sicheren Handlungsrahmen stecken. Es heißt nicht, dass der Hund jeden Blödsinn anstellen kann. Es bedeutet, dass er sich ausprobieren darf und wir, dank unseres größeren Erfahrungsschatzes, dafür Sorge tragen können, dass ihm nichts Bedrohliches geschieht. Dabei dürfen wir ihn aber nicht von Misserfolgen fernhalten. Diese gehören zum Leben dazu und sich wichtig, um künftig andere, bessere Strategien zu entwickeln. Vielmehr können wir, die wir aufgrund unsere höheren Alters mehr Erfahrung besitzen, die Tragweite von Misserfolgen abwägen, sodass dem Hund Lektionen gelehrt werden aber nichts Schlimmes geschieht. In besonders unbekannten oder stressigen Situationen hat dann auch der Hund kein Problem damit, dass jemand für ihn Entscheidungen trifft. Er ist dankbar, wenn er sich an einem versierten Menschen orientieren und auf dessen Erfahrung vertrauen kann. Denn jede Entscheidung birgt ja das Risiko einer Fehlentscheidung, die im Tierreich wohlgemerkt auch schnell einmal tödlich enden kann.


Nachwort
Als ich begann Hundepsychologie zu studieren, hatte ich gehofft tiefere Einblicke in die Denk- und Verhaltensweisen von Hunden zu erhalten. Heute weiß ich, dass sich menschliche Denk- und Verhaltensweisen nicht groß von denen der Hunde unterscheiden. Lediglich sind unsere gedanklichen Ausschweife größer, komplizierter als die von Hunden. Doch wir haben sehr viele gleiche Grundbedürfnisse, die uns das Zusammenleben ermöglichen. Wir haben uns Hunde gezielt auf ein Level gezüchtet, auf dem sie von uns abhängig sind. Wir bestimmen ihre Ernährung, ihren Lebensraum, ihr Sexualverhalten und teilweise auch ob und was sie „arbeiten“. Ich denke, dass uns genau das sehr überheblich gemacht hat. Wir haben verlernt, mit ihnen auf Augenhöhe stehen und eine echte Partnerschaft führen zu können. Wir wollen sie beherrschen, lenken und nach unseren Vorstellungen haben. Doch damit schaffen wir kein Vertrauen, keine echte Zuneigung und keine faire Gemeinschaft. Damit machen wir nur viel von ihrem Wesen kaputt und nehmen uns selbst die Möglichkeit zu erkennen, wie wunderbar und kreativ diese Wesen eigentlich sind, wenn man ihnen eigene Gedanken und Ideen erlaubt. Ich habe mich vor einiger Zeit auf diese Reise begeben, zusammen mit Mann und Hund. Längst bin ich noch nicht da, wo ich sein möchte, wenn es darum geht meinem Hund einen viel größeren eigenen Entscheidungsrahmen zu geben. Das zu vergessen, was die „allgemeine Hundeschule“ seit Jahrzehnten propagiert ist nicht so leicht. Doch ich gebe mein Bestes, das Wesen des Hundes aus einem neuen, faireren Blickwinkel, eben auf Augenhöhe zu betrachten, um ihm Unsicherheit, Unzufriedenheit und das Gefühl des „Kontrolliertwerdens“ nehmen und ihn glücklicher machen zu können.

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