Ausdrucksverhalten – das kleine 1×1

Geschultem Auge kann das Verständnis um das Ausdrucksverhalten von Hunden in vielen Situationen helfen, Reaktionen und Handlungen der Vierbeiner grob zu verstehen und im Vorfeld einzuschätzen, wie die ein oder andere Situation verlaufen könnte. Nicht selten kommt die Frage nach „Faustregeln“ auf, an denen man die Stimmung eines Hundes ablesen und ihn dadurch als Mensch besser einschätzen kann. Generell ist das Ausdrucksverhalten unserer Hunde sehr umfangreich, eine Kombination aus Signalen vieler verschiedener Körperbereiche. Wer die Vierbeiner gezielt im Auge behält, kann so einiges „ablesen“ und gegebenenfalls dabei behilflich sein, in angespannten Situationen deeskalieren einzugreifen. Es gibt gewisse Tendenzen im hündischen Ausdrucksverhalten, die uns Hinweise darauf geben, wie sich der Vierbeiner fühlt oder was für Absichten er in seiner Interaktion mit anderen Hunden hat. Welche das sind, darauf möchte ich heute einmal näher eingehen.

Das Gesicht
Der Gesichtsausdruck eines Hundes setzt sich aus vielen Details zusammen. Um die sichersten Rückschlüsse auf Stimmungen und Motivationen zu erhalten, lohnt es sich möglichst viele der folgenden Details für ein gutes Gesamtbild zu registrieren:

  • ein leicht geöffneter Fang: zeugt von einer entspannten Kiefermuskulatur und signalisiert einen neutralen Zustand
  • ein fest geschlossener Fang: ist Hinweis auf eine hohe Körperspannung und somit auf einen angespannten Zustand
  • mandelförmige, ovale Augen: deuten entsprechen einem entspannten Zustand
  • halb geschlossene, schlitzförmige Augen sind ein Anzeichen für submissives (d.h. unterwürfiges) und beschwichtigendes Verhalten
  • über das normale Maß hinaus geöffnete Augen, die groß und rund erscheinen: zeigen sich häufig in angespannten Situationen, wenn der Hund Angst hat oder aggressive Tendenzen hegt
  • auch die Dauer von Blickkontakten ist entscheidend, langanhaltende Blicke verhärten die Situation (deshalb fühlen sich Hunde, die angestarrt werden, auch mehr oder weniger schnell bedroht und zeigen negatives Verhalten), kurze Blicke mit häufigerem Abwenden des Kopfes können sich positiv und beschwichtigend auswirken

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Die Ohren

Obwohl die Ohren unserer Hunde durch Zucht und Domestikation sehr vielgestaltig sind, lassen sich Stimmungen an ihnen ablesen. Die Ohren dienen jedoch auch der akustischen Wahrnehmungen. Ihre Orientierungsbewegungen, zu Geräuschquellen hin, müssen bei der Beobachtung also berücksichtigt werden.

  • in neutraler Haltung: sind sie nach vorn gestellt
  • nach hinten gestellte Ohren: deuten auf Angst hin und zeigen ein distanzvergrößerndes Verhalten
  • unter Stress ist die Ohrhaltung nach hinten/oben gezogen und es kommt zu vermehrten, ruckartigen Bewegungen (man nimmt an, dass die ruckartigen Bewegung daraus resultieren, das unter Stress die Orientierungsbewegungen stark herabgesetzt werden)

Der Kopf
Die Haltung des Kopfes steht stets in Kombination mit vielen anderen Ausdrucksstrukturen und lässt sich schwierig verallgemeinern.

  • ein gehobener Kopf im sozialen Kontext zeugt häufig von imponierendem Verhalten oder selbstsicherem Drohen
  • befindet sich ein Interaktionspartner in direkter Nähe und vor dem Tier, kann ein Anheben und Zurückziehen des Kopfes auch als distanzvergrößerndes Verhalten signalisieren, häufig wird der Kopf dann auch abgewandt
  • im Sinne einer besseren Übersicht kann der angehobene Kopf im Orientierungsverhalten für bessere Übersicht sorgen
  • einen gesenkten Kopf zeigen Hunde vor allem im Zusammenhang mit Auflauern, Anpirschen und Angreifen / Kopf, Rücken und Rute bilden dabei eine auf den Auslöser ausgerichtete Linie, während übrige Ausdrucksstrukturen (Ohren, Körperschwerpunkt) weitestgehend nach vorn gerichtet werden
  • das Absenken des Kopfes in Verbindung mit distanzvergrößernden Elementen (angezogene Ohren, Kleinmachen, Abwenden des Kopfes) signalisiert nicht selten Angst oder ängstliche Erregung

Die Rückenlinie und die Rute
Die Rückenlinie verläuft beim Hund von der Schulter bis zum Becken. Ist das Tier entspannt bildet sie eine relativ gerade, möglicherweise leicht nach oben oder unten gewölbte Linie (je nach Zucht und Rasse). Durch die gelockerte Skelettmuskulatur schwingen Rückenlinie und Rute beim lockeren Traben und im Gehen seitlich leicht hin und her.

  • besonders im Kontext mit freundlichen Annäherungen nehmen die Seitwärtsbewegungen zu, Rute und Becken werden aktiv in horizontaler Richtung bewegt
  • mit zunehmender Körperspannung nehmen die lockeren Seitwärtsbewegungen ab, sodass sich im Zusammenhang mit Droh-, Lauer- oder gar Angriffsverhalten eine starre, gerade Linie bildet
  • ängstliche Hunde zeigen häufig eine nach oben gewölbte Rundung der Rückenlinie, da sich der Körper förmlich zusammenzieht, die Rute liegt dicht am Körper an oder ist geklemmt
  • mehr oder weniger stark gesträubtes Fell entlang der Rückenlinie zeugt von einer mehr oder weniger starken Erregung des Hundes / ob diese positiv oder negativ ist, muss im Kontext und Zusammenhang mit anderen Ausdrucksverhalten beurteilt werden, eine generelle Aussage dass aufgestellte Rückenhaare Freude, Angst oder Aggression bedeuten gibt es nicht
  • die vertikale Veränderung der Rutenhaltung nach oben zeigt die Tendenz zur Distanzverringerung, signalisiert Selbstsicherheit
  • die vertikale Veränderung der Rutenhaltung nach unten zeigt die Tendenz zur Distanzvergrößerung, signalisiert Unterlegenheit oder Konzentration, sowie fehlende
    Bereitschaft zur sozialen Kontaktaufnahme

Innerartliche Kommunikation / Analwittern
Die meisten Hunde, die sich füreinander interessieren, steuern bei Begegnungen direkt auf die hintere Region des anderen Hundes zu. Jeder von uns dürfte das schon das ein oder andere Mal beobachtet haben können. Der Anus ist eine der wichtigsten Ausdrucksstrukturen in der innerartlichen Kommunikation unter Hunden. Er ist sozusagen die chemische Schnittstelle, die von der Rutenbasis mehr oder weniger verdeckt ist. Ob diese Region freiliegt oder nicht, beziehungsweise ob ein Hund sie gern einem anderen Hund freiwillig präsentiert oder nicht, ist von Bedeutung.

  • unter großer Konzentration oder ängstlicher Erregung legen Hunde den Schwanz an oder klemmen ihn ein, das Interesse an innerartlicher Kommunikation ist hierbei nicht vorhanden
  • im Kontext einer normalen Begegnung erfolgt auf eine angehobene Rute und ein beidseitiges Analwittern eine freundliche Begrüßung, wohingegen im Kontext von Bedrohung oder eigenem Drohverhalten (weitere Ausdrucksstrukturen wie Ohren, Mundwinkel, Körperschwerpunkt sind nach von gerichtet) eine angehobene Rute sehr wahrscheinlich für eine offensive Handlung spricht und das Freilegen des Anus in diesem Zusammenhang Zeichen von Selbstsicherheit ist

Vorderkörpertiefstellung
Eine häufig als Spielaufforderung gedeutete Haltung der Hunde ist die sogenannte Vorderkörpertiefstellung (abgekürzt VKT). Bei dieser werden, bei mehr oder weniger gestreckten Hinterbeinen, die Vorderläufe abgelegt.

  • VKT im Spiel: dabei sind die Vorderpfoten gespreizt abgelegt, Ohren und Mundwinkel nach hinten gezogen und Kopf und Blick meist vom Spielpartner abgewendet / dient dazu den Spielfluss, wenn das Spiel zu schnell oder intensiv wird, für einen Moment zu unterbrechen
  • VKT als Lauerhaltung: anhaltender Blickkontakt zum Auslöser hin, Vorderläufe parallel abgelegt, Rute oberhalb der Rückenlinie und Ohren nach oben/ vorn gerichtet
  • VKT als Zeichen eines inneren Konfliktes: wenn sich der Hund einem Auslöser eigentlich nähern möchte, jedoch eine Abwehrreaktion von diesem erwartet (wenn ein anderer Hund zum Beispiel eine begehrte Ressource hält) / oft treten dann auch Frustrationszeichen wie Bellen in diesem Kontext auf
  • VKT zur Beschwichtigung: in gewissen Kontexten kann diese spielerische, entschleunigende Haltung auch mögliche Konflikte beschwichtigen
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Bevor wir diesen kleinen Exkurs über das Ausdrucksverhalten von Hunden beenden, kommen wir zum Schluss noch zur Geometrie der Körperachsen. Das klingt jetzt vielleicht nach Mathematik, alle Mathe-Muffel kann ich aber beruhigen, es hat damit gar nichts zu tun. 😉

Geometrie der Körperachsen
Wie sich Hunde aufeinander ausrichten und zu einander bewegen, kann helfen deren Emotionen und Absichten einzuschätzen. Es ist ein Merkmal, welches jeder sehr gut und bei allen Hund beobachten kann.

  • frontal: bringt das größte Konfliktpotenzial, da es hierbei schnell zu direktem Augenkontakt kommt / wenn ein Hund gezielt eine frontale Position vor einem anderen Hund einnimmt, kann er möglicherweise die Konfrontation suchen – eine hohe Körperspannung kann dann einhergehen
  • quer heran: darauf kann ein Aufreiten erfolgen, welches die Situation unter Umständen eskalieren lassen könnte
  • quer davor: gezieltes in den Weg stellen, birgt Konfliktpotenzial
  • frontal versetzt: direkte Augenkontakt wird verringert
  • antiparallel: ebenfalls wenig konfrontative Annäherung aus der sich ein Analwittern entwickeln kann, welches zur freundlichen Kontaktaufnahme zählt
  • parallel: besonders zurückhaltende, dezente Annäherung, bei der Augenkontakt zuverlässig vermieden wird

boxer-dogs-1321226_1920border-collie-1167926_1920dogs-1615904_1920Auch Lautäußerungen gehören im Prinzip zum Ausdrucksverhalten. Dazu würde ich aber einen separaten Artikel verfassen wollen. Ich möchte meinen, dass es für’s Erste genug Lesestoff geworden ist. 😉

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