Lass mich dich führen

So wie es bekanntlich viele Wege nach Rom gibt, gibt es viele Methoden seinem Vierbeiner das entspannte Laufen an der Leine beizubringen. Dabei ist es wie mit sehr vielen anderen Lektionen in der Hundeerziehung: Einige Lösungsansätze sind umstritten, andere hingegen gängig und von vielen immer wieder gern empfohlen.

Manch einer wird vielleicht sogar die Augen verdrehen und sich denken, „Schon wieder so ein Artikel!“. Diesen Artikel schreibe ich, weil ich in Coachings öfter mal solche Basics erklären und zeigen soll. Die Nachfrage bestimmt das Thema. Zumindest in diesem Fall. Alle die sich schon bestens auskennen oder der Meinung sind, mich später in der Luft für meine Tipps zerreißen zu wollen weil sie alles ganz anders machen, ihr müsst ab hier nicht weiterlesen. 😉

Natürlich erfinde ich das Rad mit diesem Beitrag nicht neu. Tatsächlich ist es immer schwierig derartige Ratschläge in einem Artikel zu geben, wenn man die Hunde und Menschen nicht persönlich kennt. Die Einen sind sehr interessiert daran zu lesen, was der Andere für Wege gegangen ist, um ans Ziel zu kommen. Wieder Andere nutzen solche persönlichen Erfahrungsberichte aus, um diese oder jene Methode in Frage zu stellen oder direkt arg zu kritisieren. Mich stimmt das traurig, denn ich finde nichts an einem gepflegten Erfahrungsaustausch zu beanstanden. Es gibt Hundeschulen und Ratgeber, Blogs und Prediger, die uns ihren Weg als den besten verkaufen möchten oder uns das große Geheimnis erzählen wollen, wie es ganz einfach funktioniert. Ich bin der Meinung, dass es immer wieder eine Herausforderung ist und von Hund zu Hund verschieden, wie man sich solchen Themen nähert.

Bevor es losgeht fängt es schon an!
Wenn es darum geht, für seinen Hund einen geeigneten Ansatz zu finden, spielen verschiedene Faktoren eine Rolle, um das Laufen an der lockeren Leine zu üben. Einem Welpen dieses „Basic“ beizubringen ist oftmals etwas einfacher. Allein weil er unvoreingenommen und spielerisch an die Übungen herangehen kann. Einem älteren Hund das entspannte Laufen zu lernen, ist meist etwas schwieriger. Ihn erst einmal aus dem „alten Trott“ zu holen und für etwas anderes zu begeistern, ist die Herausforderung. Man sollte sich im Vorfeld bereits Gedanken machen, wie man seinen Vierbeiner für gewünschtes Verhalten in Übungssituationen belohnen möchte – verbal, taktil, mit Futter, durch Spielzeug. Dabei achtet man auf die Vorlieben, worauf der Hund also gefällig reagiert und wodurch er versteht, dass es sich lohnt auf seinen Menschen zu achten. Ich weiß, Viele stresst allein schon der Gedanke an die bevorstehende Gassirunde. Besonders eben die, die an jeden Spaziergang mit der Erwartung eines Kräftemessens mit dem eigenen Hund heran gehen. Dadurch verlässt man bereits aufgeregt das Haus. Leider ist genau das der schlimmste Ausgangspunkt für einen harmonischen Spaziergang. Unsere eigene Verfassung überträgt sich ganz schnell auf den Hund. Sprich, er nimmt die bestehende Unruhe wahr und wird automatisch selbst angespannt. Man sollte sich nie Gedanken darüber machen was kommen wird. Auf vergangene Gassirunden zurück zu blicken, die nicht so schön abliefen, ist schlichtweg nicht hilfreich. Stattdessen hilft es den Fokus auf sich, den Hund und das Ziel zu richten. Und vor allem sollte man keinen Zeitdruck haben! Ganz besonders nicht dann, wenn man sich vornimmt zu üben.

Stehen also alle Gedanken, Sorgen und Problechem hinten an oder sind in die Gedankenschublade gepackt, gibt es einen weiteren Tipp, der den Start in die entspannte Gassirunde erleichtert. Ein ruhiger Hund! Damit meine ich nicht, so lange zu im Flur zu warten bis der Vierbeiner fast einschläft, weil es noch immer nicht losgeht. Vielmehr meine ich, dass der Hund ruhig an einer Stelle sitzt und sich entspannt ein Halsband oder Geschirr anlegen lässt. DAS geeignete Gassigeh-Utensil gibt es meines Erachtens nach nicht. Für mich gilt, nichts zu verwenden was dem Tier wehtun könnte. Zugstopp-Halsbänder, Ketten, Retrieverleinen und andere fügsam machende Dinge sind für mich grenzwertig. Von diesen rate ich jedem nur ab! Ein stark ziehender Hund macht auch keinen großen Unterschied, ob er im Halsband oder im Geschirr hängt. Bei der Frage, was man dem Vierbeiner anbringen soll, geht es meist nur um den Komfortgedanken im Kopf des Besitzers. Ein weiteres Gerücht und im Übrigen völlig egal ist es, ob ein Hund vor oder nach uns aus der Tür geht. Wenn er sich ganz vorfreudig aus der Tür schlängelt, bevor man selbst überhaupt nach dem Haustürschlüssel gegriffen hat, heißt das doch noch lange nicht dass er die Autorität seines Menschen untergräbt. Möglicherweise ist er einfach nur total glücklich und vergisst kurz alles um sich herum. Zuerst aus der Tür zu gehen hat eher einen gewissen Sicherheitsaspekt. Im Haus könnte gerade jemand an der Wohnungstür vorbeilaufen und sich erschrecken, wenn ein Hund aus der Tür stürmt. Auch aus der Haustür gehen die meisten lieber zu erst und scannen die Lage. Sind andere Hunde vor dem Haus, man weiß ja nicht wie die sich benehmen. Oder rennende Kinder, vor denen sich der Hund erschrecken könnte. Es gibt viele Situationen. Manchmal liegen Scherben auf dem Gehweg, wo ich nicht möchte dass der Hund hinein tritt und sich verletzt. All sowas kann ich absichern, wenn mein Hund kurz wartet, bevor er mir nach draußen folgt. Damit will ich ihn also keinesfalls dominieren. Genauso wenig, wie ich das „Ich bin der Mensch, ich gehe zuerst“-Prinzip als Non-plus-ultra darstellen möchte. Ich sage es mal so, es kommt auf den Hund an und jeder Halter kann das selbst sehr gut entscheiden, mit welchem „Ritual“ beim Verlassen des Hauses er sich am wohlsten fühlt.

Mögliche Übungsansätze
Ich möchte darauf hinweisen, dass ich hier nur Anregungen gebe. Bei den folgenden Übungen handelt es sich um die, die sich mir im Coaching bisher als hilfreich erwiesen haben. Ich halte nichts von Gewalt oder Erniedrigung. Sollte ein Training mal nicht funktionieren, wird pausiert oder etwas anderes probiert. Auch Hunde sind nicht immer gleichermaßen in der Lage Wissen aufzufassen und zu verstehen, was wir von ihnen wollen. Ihre Geduld hat, wie unsere eigene, ihre Grenzen und so verhält es sich auch mit der Konzentration.

Stehenbleiben
Das Stehenbleiben ist eine simple Methode. Wenn der Hund den Mensch überholt und sich die Leine beginnt zu spannen wird angehalten. Dabei aber bitte nicht an der Leine rucken oder stark ziehen. Gerade bei Hunden, die allgemein recht fixiert auf ihre Halter sind, bekommt man damit in der Regel schon die Aufmerksamkeit auf sich gelenkt. Mit einem Wink zu sich ans Bein holt man den Hund zurück an seine Seite. Funktioniert das, ist die künftige Aufgabe immer zu stoppen, sobald man vom Hund überholt wird. Belohnt werden kann hier, wie bei allen anderen Übungen auch, vielfältig. Entscheidet man sich für die Belohnung mit Futter, gibt es das Leckerchen wenn der Vierbeiner auf Beinhöhe ist. Möchte man lieber mit einem Spielzeug belohnen, kann man nach einigen erfolgreichen Schritte auch den Zergel anbieten oder den Ball werfen.

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Fuß oder Hand vorhalten
Eine zweite Möglichkeit, die nicht viel Körpereinsatz erfordert, ist das Fuß- oder Handvorhalten. Wie man sich denken kann, benötigt man dazu lediglich seinen Fuß oder eine Hand. Wenn der Vierbeiner im Begriff ist aus dem Fuß zu gehen, kann man den eigenen Fuß vorhalten um ihn zu stoppen. Achtung, diese sollte man allerdings nur in Schrittgeschwindigkeit praktizieren. Sonst besteht Stolpergefahr für den Hund, was natürlich nicht das Ziel der Übung ist! Praktisch ist diese Übungen, wenn es sich um kleinere Hunde handelt. Bei größeren Hunden kann das Vorhalten der Hand vor die Hundebrust das Tier anhalten und helfen die Position neben uns wieder einzunehmen.

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In den Weg stellen
Sich dem Hund in den Weg zu stellen zieht die Aufmerksamkeit von eher unaufmerksameren Vierbeinern auf sich. Im Grunde ist das nur die gesteigerte Form vom Fuß- oder Handvorhalten. Manchen ist es  zu dominant sich seinem Hund gezielt in den Weg zu stellen, denen rate ich hiervon ab. Sich selbst mit einer Praktik identifizieren zu können ist wichtig für den Erfolg und die Kommunikation untereinander. Bei schnell ängstlich reagierenden Hunden, stellt sich bei dieser Handlung rasch eine gewisse Einschüchterung ein und ist durchaus nicht der beste Lösungsansatz. Sich in den Weg zu stellen zieht bekanntlich eher bei den „Rüpeln auf vier Pfoten“.

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Richtungswechsel
Es kann helfen, mit einem Richtungswechsel den Hund von etwas viiiiel Interessanterem abzulenken und daran zu erinnern, dass man selbst ein anderes Wegziel hat. Richtungswechsel können mit und ohne Ankündigung gemacht werden. Bei Ankündigungen sollten diese im Vorfeld jedoch mit einem Kommando aufgebaut werden. Es gilt in jedem Fall, den Hund nicht „aus der Verankerung“ zu reißen. Gefühl hat dabei Priorität. Durch wiederholte Richtungswechsel, kann man verdeutlichen dass es erst einmal in die vom Menschen bestimmte Richtung gehen soll. (Dazu ein Foto zu machen war irgendwie komisch zu veranschaulichen, deshalb gibt es dazu die folgende Alternative „Einladung zurück“.)

Einladung zurück
Eine sehr sanfte Methode den Hund neben sich zu holen, um auf gleicher Höhe zu laufen. Sensibelchen sprechen hierauf besonders gut an. Bei dieser Übung ist gutes Timing gefragt. Sobald man bemerkt, dass der Hund im Begriff ist vorlaufen zu wollen, dreht man sich um 90 Grad in Richtung des Tieres, sodass man zu seiner Seite gewandt steht. Das wirkt weniger bedrohlich, eher einladend zu einem zurück zu kommen. Man führt den Vierbeiner zurück in die Ausgangsposition und belohnt ihn. Wie gesagt mit Leckerchen direkt oder mit Spielzeug wenn man ein paar Schritte zurückgelegt hat.

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Leckerli neben dem Bein
Hat man einen Hund der sich durch Leckerlis gut motivieren lässt, kann man mit folgender Methode üben. Mit einem Leckerchen in der geschlossenen Hand lockt man den Vierbeiner neben sich her. Ich mache das lieber vor der Schnauze statt über dem Kopf, sonst starrt das Tier die ganze Zeit auf und belastet ziemlich das Genick. Läuft der Hund dem Häppchen hinterher, gibt man es nach ein paar Schritten frei und lobt. Nach und nach kann man die Schrittzahl erhöhen. Diese Übung wird übrigens gern in Welpenkursen gemacht. Für die jungen Hunde ist es eine schmackhafte spielerische Belohnung neben dem Bein des Halters zu laufen. Allerdings kann das für uns Menschen ganz schön in den Rücken gehen und macht uns Halter auf Dauer im Training glücklich, je kleiner der Hund ist beziehungsweise bleibt.

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Neben dem Menschen gehen verlangt vom Hund viel Konzentration
Natürlich ist es praktisch, wenn man seinen Hund soweit hat, dass er neben einem läuft. Dann steht er in unserem direkten Wirkungsbereich. In Gefahrensituationen ist ein Vierbeiner somit besser abrufbar, beziehungsweise beeinflussbar. In Städten ist man damit auf der sichereren Seite. Man sollte den Bogen aber nicht überspannen und kein permanentes „bei Fuß Laufen“ von seinem Hund verlangen. Denn das, was für uns so einfach scheint, fordert von unseren Fellnasen wirklich sehr viel Konzentration. Permanent bei uns zu sein und nicht seinen „natürlichen Instinkten“ folgen zu können, ist genau so nervig, wie für uns eine riesengroße, super schwere Mathearbeit [oder welches Fach auch immer uns in der Schule nicht wirklich lag]. Übungssituationen gestaltet man daher zwischen 5 bis 10 Minuten ein oder zwei Mal am Tag und räumt ausreichend Zeit zum Schnüffeln, Spielen und Lösen ein. Nur ein glücklicher Hund ist ein aufmerksamer, ausgeglichener Hund der auch gern mit seinem Menschen kooperiert. 😉

Nicht zu streng sein
Nicht jedem Hund fällt es gleichermaßen leicht „bei Fuß“ zu gehen. Manche Hunde haben einen sehr hohen „will to please“ und folgen ihren Besitzern von vornherein sehr gut. Andere Vierbeiner sind möglicherweise etwas selbstständiger und lassen sich schneller von ihrer eigenen Nase oder Umwelteinflüssen ablenken, was wohlbemerkt ganz natürlich ist und keiner Strafe bedürfen sollte! Sogar die Größe und die Länge der Beine kann das Laufen beeinflussen. Jack beispielsweise ist zwar klein aber er hat lange, flinke Beinchen. Dadurch läuft er viel schneller, als ein vergleichbar kleiner Hund mit kurzen Beinen. Es nicht verwunderlich, dass Jack es nicht schafft mit seiner Schulter auf meiner Höhe meiner Beine zu laufen. Er ist immer etwas voraus, die Mitte seines Körpers neben meinem Bein. Und wisst ihr was? Das ist total okay so! Trotzdem hat er begriffen, was es heißt in meinem Einflussbereich zu bleiben, wenn ich es fordere. Er weiß genau, dass wir genügend Grünflächen ansteuern, an denen er nach Herzenslust rüsseln darf. Nicht jeder Hund ist gleich, man sollte den Charakter des Tieres respektieren. Selbst wenn eine der Fellnasen noch etwas weiter voran läuft, wäre es für mich okay, solange sie sich mit einem Blick zurück regelmäßig absichert. Jeder Hundehalter muss selbst entscheiden, mit welchem Abstand er sich wohl und in der Lage fühlt, seinen Hund  bei Notwendigkeit beeinflussen zu können.

Kreative Spaziergänge gegen Langeweile und Frust
Der Hund nimmt seine Umwelt ganz anders wahr als der Mensch. Wir haben bei weitem nicht so eine feine Nase und können teilweise gar nicht nachvollziehen, weshalb Fiffi gefühlt eine halbe Stunde an ein und demselben Busch schnuppert. Außerdem ist der Laufweg des Menschen sehr geradlinig und zielorientiert. Hunde hingegen gehen viel im „Zickzack“ und schnüffeln überall nach Fährten anderer Tiere und welche Gerüche ihnen sonst noch in die Nase steigen. Es ist daher doch eigentlich nur verständlich, dass es dem besten Freund des Menschen nicht glücklich macht, wenn er ausschließlich neben ihm hertrotten darf. Selbst wenn es sich lohnt und er dafür tolle Leckerchen oder sein Lieblingsspielzeug abstaubt, Hund sein zu dürfen ist immer noch die schönste Belohnung.! 😉 Verschiedene Interaktionen, eine gesunde Mischung aus neben dem Mensch laufen und seinen eigenen Interessen nachzugehen hilft gegen Leinenfrust. Deshalb auch der weiter oben angebrachte Satz, dass man sich die nötige Zeit für den Spaziergang mit dem Hund nehmen sollte. Nur so kann man kleine Suchspiele, Tricksereien und ausgiebige Schnüffelpausen garantieren und jede Gassirunde zu einem tierisch tollen Erlebnis werden lassen. Und sein wir doch mal ehrlich: ist es uns nicht die größte Freude unsere Vierbeiner glücklich zu mache? Wie könnten wir das besser, als ein gewisses Maß an Disziplin, gepaart mit ein paar tollen Leckerchen und lustigen Spieleinheiten in einem zu bündeln? 😉

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2 Gedanken zu “Lass mich dich führen

    • Vielleicht ist etwas für euch dabei. Es sind schonende Methoden aber eventuell bekommst du Enki ja von einer überzeugt. Ich wünsche euch jedenfalls weiterhin viel Erfolg im Training! 😉

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